Ist uns alles egal?

Manchmal sind Gefühle so nah, so spürbar und wuchtig, dass wir glauben es kaum auszuhalten. Ich habe gerade eine Nachricht erhalten, die mich über alles gefreut hat. Sie hat mich aus meiner Postneujahrs-Nachdenklichkeit gerissen. Da war so viel Freude. Glück. Und dann? Am nächsten Tag war alles anders. Der Grund der Freude: weg. Einfach so. Eine zutiefst traurige Entwicklung. Von ganz oben, nach ganz unten.

Und das kennen wir alle, oder? Das Leben mit allem, was wir darin erfahren können. Das ewige auf und ab. Und machen wir uns nichts vor. Es ist nicht alles schön. Manchmal treibt mich die Welt in den Wahnsinn. Diese Welt, diese Zeit ist krass. Dieser ewige Wandel. Dinge, die wir nicht verändern können. Dinge, die wir verändern können, aber nicht anpacken. In der großen Welt da draussen und genauso in der im Innern. Und dann? Versuchen wir uns auf gute Gedanken zu bringen. Das Schöne zu sehen. Und irgendwie die Hoffnung und die Freude am Leben wieder rauszuholen.

Aber manchmal ist dieser Schritt einfach zu groß. Wenn wir zutiefst traurig sind, bringt es nichts künstlich Freude zu erzeugen. Für die Yogis ist Freude genauso eine Emotion wie Trauer, Angst, Wut oder Neid. Keinen Deut besser. Warum? Weil sie genau wie all die anderen Gefühle uns dazu verleitet Dinge zu tun, die unserem Wesen nicht entsprechen. Die uns rausschleusen aus unserer Mitte. Wie viele Dummheiten wurden schon im Euphorietaumel begangen? Man denke nur an all die feucht-früöhlichen Nächte…

Daher streben die Yogis Freude gar nicht an. Sie wollen stattdessen Samata (Gleichmut).
Dieser Zustand bleibt. Egal, welche Emotion uns ereilt. Wir werden nicht mehr wie auf einer wilden Achterbahnfahrt in alle Richtungen einfach mitgerissen und auf- und abgeschleudert. Die Fahrt ist wild, ja. Aber Samata ist der Wagen, der die ganze Zeit auf den Schienen bleibt. Er trägt uns. Hier können wir immer sein. Heisst das, das wir Gefühle nicht mehr so doll fühlen? Ja, ein bisschen schon. Sie dringen zumindest nicht bis in unsere Tiefe. Heisst es, das uns alles egal wird? Nein. Es hat nichts damit zu tun sich taub zu machen. Samata ist nichts, was aus Schutz vor dem Schrecken der Welt passiert. Wir sind voll da und sensibel und voller Empathie. Samata ist ein Grundzustand tief in unserem Innern. Dinge geschehen. Immer. Gefühle kommen hoch - das ist das Menschsein. Sie toben an der Oberfläche. Aber Samata ist unser Anker im Innern. Dafür müssen wir immer wieder Kontakt mit unserem Inneren aufnehmen. Durch Dasein.

Wenn die Gefühle ganz doll sind ist es wichtig sich nicht abzulenken, sondern sie ganz zu spüren. Ihnen den Raum und die Zeit zu geben, die sie brauchen. Und dann in den Augenblick einzutauchen. Zu sehen, was ist jetzt gerade da. Die Aufmerksamkeit auf die Umgebung zu lenken. Alle Details wahrzunehmen. Dann in den Körper. Die innere Energie spüren. Das geht ganz einfach, indem wir das Bewusstsein in unterschiedliche Körperteile lenken. Wie fühlen sich die Hände an? Die Füße? Der Kopf? usw.

Das Jetzt führt uns zu Samata.
Aus Samata kann Santosha entstehen, die dauerhafte Zufriedenheit, die uns immer erhalten bleibt egal, was im außen tobt. Und so kann Ruhe sein, wo Sturm ist.

Mit Liebe,

Fabienne