Meinungs-Verschiedenheiten

Ich meine, also spinn ich

Da war so ein Abend. Durch widrige Umstände sitzt man mit Menschen zusammen, mit denen man sonst nicht viel zu tun hat. Er könnte mein Vater sein, so vom Alter her. Und ein bisschen verhält er sich auch so. Nicht, dass ich ihn gefragt hätte, aber plötzlich finde ich mich in einem Wust seiner Meinungen und Überzeugungen wieder. „Das sollte ich doch besser so machen, so geht es nicht, das bringt nichts“…voll im Gange die Meinungsmache.

Als ich jünger war und noch nicht in diesem Yogading, da hat mich so was ein wenig beeindruckt. Ein starker Charakter eben, voller Durchsetzungskraft. Wurde den meisten von uns doch stets vermittelt, dass es besonders wertvoll ist, eine starke Meinung zu haben und für ebendiese einzustehen. Und damals, ich sag euch, wäre der Typ mir so gekommen, ich hätte so was von dagegen gehalten. Denn wenn ich bei etwas echt empfindlich war, dann wenn mir jemand vorschreiben wollte, wie ich zu leben habe. Und was passiert dann? Erstmal diskutieren und argumentierten wir in der Hoffnung, den anderen zu überzeugen. Manchmal klappt das - wenn Einsicht, Lernen und gute Rhetorik aufeinandertreffen. Wenn das nicht wirkt, fängt man an sich zu wehren, zu verteidigen und sich unverstanden zu fühlen. Man hat eine Meinungsverschiedenheit. Ein Top-Wort finde ich! Man hat halt verschiedene Meinungen. Das impliziert aber nicht, dass da auch Streit ist. Sagt man heute: „Die haben eine Meinungsverschiedenheit.“, hui- da weiss man, dass es brodelt. Da rangeln zwei Egos um die Pole-Position!

Aber zurück zum Wort Meinungsverschiedenheit. Kann man unterschiedliche Ansichten haben - ja, manchmal sogar so weit auseinander driftend, dass man sich fragt, ob der andere überhaupt irgendwas versteht, und dennoch friedlich und verbunden bleiben?

Wenn ich in solchen Szenen lande, wie der oben beschriebenen, dann gebe ich vielleicht eine kleine Anregung aus meiner Perspektive aber oft schweige ich. Ich höre mir das Ganze an, schaue, ob ich das was von den gut gemeinten Tipps gebrauchen kann und lasse dem anderen seine Meinung.
Und glaubt mir, mein Ego bäumt sich manchmal im Inneren auf, wie ein verletzter Tiger und weiß alles besser. Sagt mir, wie weise ich bin durch dieses ganze Yoga und das der andere das Leben halt echt nicht wirklich versteht im tieferen Sinne. Und wenn ich jetzt nichts sage, die Welt ein schlechterer Ort wird. Aber ich reagiere auf das Egogezeter nicht und werde stattdessen zum Sakshi - zum Beobachter (meistens jedenfalls ;)). Und aus dieser Position heraus sehe ich so viel mehr, als wäre ich im Kampf.

Die Yogaphilosophie sagt, dass wir alles wie durch einen Schleier sehen. Die Yogis nennen ihn Maya. Maya ist geprägt von unseren Erfahrungen, unserer Erziehung, den Werten einer Gesellschaft, dem womit wir uns tagtäglich beschäftigen. Aus all diesen Komponenten bauen wir uns unsere Welt mit unseren Ansichten. Und sie werden für uns zur Realität.
Aber sie sind nicht die Realität. Sie sind eben nur unsere kleine Wahrheit. Illusion.

Der Beobachter-Posten gibt uns die Möglichkeit unbeteiligt zu sein, mitfühlend zu bleiben und hinter den Schleier zu blicken und so das zu erkennen, was wahr ist. Was das ist? Das muss jeder für sich heraus finden. Aber es ist beständig und hat auf jeden Fall etwas damit zu tun, verbunden zu sein und völlig mutig sein Herz weit offen zu halten und es immer wieder aufzumachen, falls es vor Schrecken mal zugeschnappt ist.

“What we most love is not what we know, but what knows us and draws us. . . .”
― Ravi Ravindra


Mit Liebe, Fabienne